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Gerrit Stephan, Biologe (B.Sc.), Hundetrainer
Trennungsstress
Auf dieser Seite sind Informationen zu einem der häufigsten Problemverhalten zusammengestellt:
Der Begriff „Trennungsstress“ ist etwas ungewöhnlich, denn die meisten Kollegen sprechen in diesem Zusammenhang von „Trennungsangst“. Der Begriff Trennungsangst stammt aus der Psychologie und beschreibt hier eine ganz normale Entwicklungsphase bei Kleinkindern. Im Zusammenhang mit Hunden bezieht sich der Begriff auf verschiedene Problemverhalten (ausdauerndes Bellen, Zerstörung von Gegenstände, Verlust der Stubenreinheit) die ausschließlich in Abwesenheit der Bezugspersonen auftreten.
Die Ursache dieser problematischen Verhaltensweisen wird entweder in der „Trennungsangst“ oder aber in sogenanntem „Kontrollzwang“ gesehen. Je nach ideologischem Hintergrund des jeweiligen Trainers ist mal das eine, mal das andere eher die Ausnahme bzw. die Regel. Die Kriterien nach denen die Unterscheidung erfolgt sind allerdings nicht einheitlich definiert. Kein Wunder, denn auch der Begriff „Kontrollzwang“ stammt aus der Psychologie und meint hier eine Verhaltensstörung, die sich sicherlich nicht in Lautäußerungen, Zerstörungen oder Ausscheidungsverhalten äußert.
Von daher scheint es mir sinnvoll, den in der Neurobiologie üblichen Begriff Trennungsstress (separation distress) zu verwenden:
Das trifft es auch sprachlich sehr schön: Man hat eine Trennungssituation und einen Hund der darüber in Stress gerät. Punkt. Außerdem ist er emotional schön neutral und lässt zwischen verängstigtem Hündchen und machtgeilem Kontrolletti noch etwas Raum für die vielen Hunde, die schlicht nicht gut alleine sein können, ansonsten aber ziemlich normale Hundepersönlichkeiten sind.
However, hier noch ein paar weiterführende Texte zu diesem sehr, sehr wichtigen Thema:
Dogs showing separation related behaviour exhibit a pessimistic cognitive bias
(Quelle: Current biology online)
Diese kleine Studie hat es neulich bis in den Wissenschaftsteil der Süddeutschen Zeitung geschafft und wurde hier unter dem reichlich bescheuerten Titel "Kläffer ohne Hoffnung" zusammengefasst. Der Autor dieser Zusammenfassung scheint das Thema nicht besonders ernst zu nehmen, was die Frage aufwirft, warum er sein Zeilenkontingent dann nicht einfach mit etwas anderem voll schreibt.
Aber egal: Die Arbeit um die es hier geht ist sowohl methodisch als auch im Ergebnis ganz interessant. Mit einer relativ einfachen Versuchsanordnung wurden hier Verhaltensreaktionen ausgelöst und gemessen, aus denen die Autoren auf eine eher optimistische bzw. eher pessimistische Grundstimmung schließen.
Hunde bei denen im Vorfeld der Studie starke trennungsbedingte Verhaltensreaktionen festgestellt wurden, zeigten im Versuch Anzeichen einer negativen Grundstimmung. Die Autoren schließen hieraus, dass "pessimistische" Hunde öfter Trennungsprobleme entwickeln. Die negative Grundstimmung wäre demnach eine der Ursachen für trennungs-bedingtes Problemverhalten.
Es ist aber natürlich ebenfalls denkbar, dass die Trennungsprobleme zuerst da sind und die betroffenen Hunde in der Folge eine negative Grundstimmung entwickeln:
Hunde mit Trennungsproblemen sind regelmäßig starkem Leidensdruck ausgesetzt. Egal wie sie sich verhalten, sie haben keine Chance diesen Zustand zu vermeiden oder zu beenden. Eine mögliche Folge ist die erlernte Hilflosigkeit, eine Persönlichkeitsveränderung, die sich in diesem Versuch sicherlich als "negative underlying mood" zeigen würde.
Nachtrag: Inzwischen bin ich auf eine etwas bessere deutsche Zusammenfassung gestoßen und zwar unter






Diese Arbeit kommt aus England und wurde von der RSPCA (Royal society for prevention of cruelty to animals) in Auftrag gegeben. Hier geht es um Trennungsstress und trennungsbedingtes Problemverhalten im Zusammenhang mit Tierheim-Aufenthalten. Die Autoren Emily Blackwell, Rachel Casey und John Bradshaw beschäftigten sich schon in vorhergehenden Arbeiten mit Trennungsproblemen beim Hund. Die vorliegende Studie besteht aus drei Teilen:
1.Die Autoren haben einen Verhaltenstest für Tierheimhunde entwickelt, um Trennungsprobleme nach der Vermittlung möglichst zuverlässig vorhersagen zu können. Dieser Test hat in der Praxis ziemlich gut abgeschnitten. Die Vorhersagegenauigkeit lag mit 72% (zutreffende Prognosen für Trennungsprobleme) und 86% (zutreffende Prognose für Freiheit von Trennungsproblemen) erstaunlich hoch. Der Test ist mit relativ wenig Aufwand durchführbar und sollte meiner Meinung nach an jedem Tierheim routinemäßig für alle Hunde durchgeführt werden. Hunde mit Trennungsproblemen scheitern häufig mehrfach in der Vermittlung, wobei sich in Problem mit jeder Wiederholung tiefer eingräbt.
2.Noch wichtiger finde ich den zweiten Teil dieser Studie. Hier wurde untersucht, ob ein bei der Vermittlung mitgegebener Ratgeber zum Thema Trennungsstress Trennungsproblemen vorbeugen kann. Die haben wirklich nichts weiter getan, als den neuen Besitzern ein paar Seiten Information und Trainingsanleitung in die Hand zu drücken. Keine Beratung, kein Hausbesuch nix... Dennoch konnte die Quote der Hunde mit Trennungsproblemen von 38% auf 22% gesenkt werden. Wow!! Information scheint es echt zu bringen. Wenn man dann noch etwas mehr täte als einfach ein paar Zettel rausgeben, kann man die Quote sicherlich noch deutlich mehr senken.
3.Wurde nach Faktoren gesucht, die mit den Trennungsproblemen korrelieren. Hier sind die Ergebnisse eher dünn. Hier fällt vor allem auf, dass Hunde die mit der Begründung "Wir kommen mit dem nicht klar" abgegeben wurden deutlich häufiger Trennungsprobleme entwickeln als zum Beispiel die "Umzugsopfer". Dieses Ergebnis stützt die Annahme, dass hinter verschiedenen stressbedingten Problemverhalten ein unentdecktes Trennungsproblem steckt. Die Hunde stehen täglich mehrere Stunden unter Strom und keiner merkt es, weil sie eben nicht bellen und zerstören. Der chronische Stress äußert sich dann in ganz anderen Verhaltensproblemen und die Leute kommen insgesamt nicht mehr mit dem Hund zurecht.
Insgesamt eine sehr schöne und sehr nützliche Arbeit. Der mitgegebene Ratgeber befindet sich im Anhang der Studie, der Verhaltenstest für Tierheimhunde ebenfalls.